Musikalisches Talent auf der Überholspur – Torsten Goods & Band bei Jazz am See e.V. in Feldafing – Torsten Goods & Band bei Jazz am See e.V. in Feldafing


_MG_8140Die Meßlatte der Erwartung hing ohnehin schon höher als gewöhnlich, durften wir doch Torsten Goods schon im Sommer 2012 als special guest bei Max Mersenys “Thank Y’all”-CD-Promotion-Tour erleben und über alle Massen beeindruckt in Erinnerung behalten. Aber was wir heute abend im liebevoll historisch-authentisch renovierten und im Frühjahr dieses Jahres wiedereröffneten Bürgersaal in Feldafing zu hören und zu sehen bekamen, übertraf jegliche vorwegnehmende Vorstellungskraft: Ein Konzert der absoluten Oberliga, durch dessen fein abgestimmtes Programm ein charmanter, gutgelaunter, selbstbewußter und vor Spielfreude überschäumender Torsten Goods mit seiner Band aus teils langjährigen und bewährten, sowie nicht minder motivierten und virtuosen Mitstreitern führte. So verwundert es kaum, dass es ihm im Verlauf des Abends im wahrsten Wortsinne spielend gelang, die bereits spürbar gewogene Atmosphäre des vollbesetzten Bürgersaals schlußendlich zu Begeisterungsstürmen zu verdichten! Und für die anschließenden Zugaben gesellte sich dann noch als Überraschungsgast die Schlagzeuglegende, neuer Mitbürger Feldafings und ACT-Künstlerkollege Pete York zu den jungen Protagonisten, für die er nur lobende Worte fand und sich darüber hinaus glücklich zeigte, dass anspruchsvolle Kulturfreunde wie das Feldafinger Publikum im Hinblick auf die Verschmelzung von musikalischer Qualität und hochkarätiger Unterhaltung unbesorgt in die Zukunft blicken dürfen. York, der in Kürze selbst auf 50 Jahre erfolgreicher Musikkarriere zurückblickt, verlieh seinen Worten sodann eindrucksvoll und mit einem gefühlten Augenzwinkern klanglichen Nachdruck, indem er unerwarteterweise zum Mikrofon statt zu den Drumsticks griff und im Zugaben-Set die swingende Bluesrock-Nummer “Flip, Flop, Fly” aus dem Film “Blues Brothers” anstimmte, der er nebst authentischen vocals mit einem Whistle-Solo seinen eigenen Stempel aufdrückte, für das er die Drumsticks kurzerhand zur “Luftflöte” umfunktionierte. Aber der Reihe nach:

sontheimKurz nach 20.00h begrüßte der amtierende Feldafinger Bürgermeister, Gründungsmitglied des Vereins Jazz am See e.V., federführende Initiator des Abends und erklärte Jazzfan Bernard Sontheim, das erwartungsvolle Publikum sowie sein Team aus ehrenamtlichen Mitarbeitern und stimmte dieses mit einem kurzen Rückblick auf die bereits 10 Jahre umfassende Erfolgsgeschichte des Vereins auf das bevorstehende kulturelle Highlight ein. Dann gab er die Bühne im ausverkauften Bürgersaal frei für die Band, die mit der instrumentalen Goods-Komposition Weekend at the A-Trane vom aktuellen Album und Promo-Tour “Love Comes to Town” den Abend eröffnete. Und bereits mit den ersten Takten lieferte die Band ein klares Statement darüber ab, mit welch hohem musikalischem Niveau für den weiteren Abend zu rechnen war: Während andere Acts durchaus mal ein halbes erstes Set benötigen, um _MG_8266“warmgespielt” zu sein, setzte sich Jan Miserre an den Tasten souverän auf den soliden, federleicht präsentierten und gleichzeitig knackigen mid-tempo Groove der _MG_8422Rhythmusgruppe mit Christoph Huber an den Drums und Thomas Stieger am Bass. “In the pocket” nennt man im Musikerfachjargon diesen rhythmischen Schulterschluß, der das Fundament für Lead-_MG_8367Thema oder Gesang bildet, und auf dessen bestens eingespielte Präzision sich Frontman Goods den ganzen Abend lang sichtlich zufrieden verlassen durfte, was er einige Songs später mit den Worten “diese Band funktioniert gut” treffend kommentierte und mit swingenden, tanzenden Bewegungen unterstrich. Und wie sie funktionierte! Das luftig anmutende, klassikerverdächtige Thema des Songs wurde alsbald von fulminanten Soli aus Goods Gitarre oder Miserres Tasten abgelöst und gab damit – wiederum im Wortsinn – den Ton darüber an, was während der weiteren gut zweieinhalb Stunden Show nicht abreißen sollte: Eine besonnen gestaltete und dabei stets von schier unbändiger Improvisationsfreude geprägte Reise durch den geradezu unermesslich anmutenden Fundus des musikalischen Vokabulars, mit dem Goods und seine Mitstreiter ausgestattet sind!_MG_8348

Einige Takte später gesellte sich Frontman Goods zu seinen Mitstreitern und griff ein brilliantes Solo aus den Tasten von Jan Miserre auf, um nicht minder druckvoll und eindrucksvoll klarzumachen, was für diesen Abend zu erwarten war: Ungebremst leidenschaftliche, dabei aber gleichzeitig souverän entspannte und stets musikalische, geschmackvolle Freude an der Live-Performance, durchsetzt von sympathischen und unterhaltsamen Einwürfen und kleinen Anekdoten aus Goods Werdegang, der jüngeren Vergangenheit seiner Musikkarriere sowie Tourerlebnissen. Die Presse bezeichnete diese Personalunion aus Performer, musikalischem Conferencier, Entertainer und Bandleader als “ein Phänomen, denn einen Vertreter dieses Entertainer-Typs gab’s bei uns noch nicht“. Uns würde auf Anhieb auch keiner einfallen, der sich in all diesen Qualitäten selbst ein um’s andere mal übertrifft.

_MG_8665Den schwungvollen Auftakt setzte die vom ersten Ton an groovende Band mit dem hitverdächtigen You Wind Me Up nahtlos fort, wobei uns Torsten Goods hier neben seiner instrumentalen Virtuosität mit einer Vokalperformance erster Güte überzeugte: Unfehlbare Intonationsstärke, Ausdruck, Dynamik und eine Prise rockigen “Crunchs” in den oberen Lagen, das Ganze lässig performt, verleitete vor allem die anwesenden Damen aller Altergruppen zum Wippen, Schnippen, verstohlenem Mitsingen und Vergleichen mit profilierten Größen der Popmusik. Diese Fusion aus Groove, instrumentaler Virtuosität und einem stets von Lockerheit geprägten Vortrag treffen auch die Liner Notes des Albums vollkommen zu Recht, die Good” als zu einem Musiker gereift” charakterisieren, “der es versteht, eingängige Songs zu schreiben, die Spaß und musikalischen Anspruch miteinander vereinen.” Was uns in seinem Solo bei diesem Song insbesondere beeindruckte waren eine stark an George Benson angelehnt Phrasierung, die aber noch eine Spur lockerer und – sagen wir es ruhig: frischer! – rüberkam als beim Altmeister und von Goods verehrtem Vorbild, für den er auf U-Nams Produktion “Weekend in L.A. – A Tribute to George Benson” Track beisteuerte. Auch hier wieder: Timing von der Präzision eines Schweizer Uhrwerks gepaart mit jugendlicher Virilität und Spielfreude, die für zwei oder drei großkalibrige Acts ausreichen würden. Bei allen Meriten, die sich Goods schon frühzeitig verdienen konnte, bleibt er aber menschlich auf dem Teppich. Diese überaus sympathische Eigenschaft, die unseres Erachtens die wirklich Großen von den “Bemühten” unterscheidet, wurde beispielsweise auch wieder offenkundig in der Art und Weise, in der er kleine Abweichungen beim Sound im nun voll besetzten Saal wahrnahm und an die Tonregie weitergab: Von Respekt für die Aufgabe des Engineers geprägt und achtsam in der Übermittlung sowie charmant in der Formulierung. Das mag für Semester mittleren Alters als Selbstverständlichkeit guter Kinderstube erscheinen, ist aber selbst bei TV-Übertragungen anderer Acts nicht unbedingt immer Standard. Kompliment!

_MG_8123Vor der Pause erfreute er das nun deutlich aufgetaute und bereits mit- um nicht zu sagen hingerissene Publikum noch mit einem Kurzausflug in seine eigene musikalische Vergangenheit, die vom Erbe seiner irischen Mutter und der irischen Folktradition nicht unerheblich mitgeprägt wurde. Dem Van Morrison-Cover No Religion vermochte er ebenso seine eigene bereits unverwechselbare Note aufzusetzen wie dem Irish Traditional “Kerrie Ferguson”, das er darüberhinaus mit einem Outro im traditionellen chord-lastigen, an Jim Hall, Joe Pass und Wes Montgomery angelehnten Stil ausgesprochen gefühlvoll und mit feingranulierter Dynamik beendete. Davor und dazwischen perlten die rasanten Phrasen und Skalen seiner Soli mit der Lebendigkeit eines Gebirgsbachs in die Gehörgänge der mal fast andächtig lauschenden, mal in Bewegung geratenen Hörer.

_MG_8541Während der Pause hatte sich der spätere Überraschungsgast Pete York eingefunden, der das Treiben sehr interessiert und offenkundig beeindruckt zunächst unauffällig aus den hinteren Reihen beobachtete und ganz nebenbei die Unterhaltung an unserem Tisch mit bits und pieces seiner eigenen Karriere bereicherte.

Das zweite Set eröffnete mit dem uneingeschränkt hitverdächtigen Freedom Every Day, das laut Goods und seinem Label ACT vorliegenden Informationen beinahe täglich im Bayerischen Hörfunk gespielt wird und zu dessen Popularität neben dem pfiffigen Text sicher auch das offizielle Musikvideo auf YouTube beigetragen haben dürfte. Denn die Damen waren sich wiederholt einig, dass die Verpackung dieses Ausnahmetalents auch das Auge keineswegs beleidigt.🙂

Es spricht für sein als Künstler solide erarbeitetes Selbstbewußtsein, dass Torsten Goods den Titeltrack und U2-/B.B.-King-Klassiker Love Comes to Town auf seine authentische Art zu interpretieren vemag: In der Instrumentierung auf das Wesentliche reduziert, unerschütterlich groovend und nie den feinen Grat zur bloßen Kopie oder gar Showman-Pose überschreitend, dabei getragen von seiner kongenial wirkenden Band und der hochpotenzierten Dosierung an Talent, das da bühnenseitig agierte und in der nun folgenden Joe Sample-Komposition Put It Where You Want It seine Sternstunde hatte: Einem an Feinmotorik kaum zu überbietenden fingerstyle-Solo von Thomas Stieger folgte ein energiegeladenes Drum-Solo von Christoph Huber, das zu den unerschütterlich durchgehaltenen Synkopen von Goods, Miserre und Stieger Polyrhythmen erzeugte, die ungeschulte Ohren womöglich als absichtliche Störmanöver fehlinterpretieren könnten, die aber den hier Anwesenden noch einmal das hochkarätige Profil der Band bewußt machte, die uns mit diesem Abend ein unvergessliches Musikerlebnis bescherte.

Brutal Truth, eine weitere Eigenkomposition aus Goods und Co-Autorin Ida Sands Feder, entführte in R&B-angelehnte Gefilde und erzählt von den häufig erlebbaren Unwägbarkeiten und Ambiguitäten romantischer Beziehungen, die sich nicht selten in der Erinnerung an die erste Verliebtheit erschöpfen und deren Leidenschaft unter der Oberfläche bereits erloschen ist.

Keineswegs erloschen waren Verve und Spielfreude nach nunmehr bereits guten eineinhalb Stunden Live-Darbietung, als Torsten Goods das Instrumental Berlin P.M.  zunächst mit einem längeren Gitarrenintro im oben erwähnten traditionellen, chordlastigen Stil eines Joe Pass oder Jim Hall anstimmte, um dann in den vital pulsierenden Groove überzugehen, der die lebendige Livemusik-Szene Berlins musikalisch abbildet, aus der Goods – neben London als temporärem Domizil – Inspiration und künstlerische Energie für sein Album, seine Tournee und seine TV-Auftritte sowie zahlreiche Auftritte mit anderen Künstlern als vielgefragter music director und recording sideman oder Co-Autor bezieht. Wieviel Spaß die Band hatte teilte sich in einem Segue in das gern zitierte und auch häufig gesampelte backing guitar-Riff aus James Brown’s Sex Machine mit, das sich so nahtlos in die Komposition fügte als habe es schon immer dorthin gehört.

_MG_8646Etwas besinnlicher liess es Goods dann nochmal mit der Ansage zur Entstehung des Adele-Covers Someone Like You und dem folgenden Intro angehen, wobei er die wertschätzende und infolgedessen nachhaltig produktive Zusammenarbeit mit ACT-Label Chef Siggi Loch hervorhob, der ihn zu einer eigenen Interpretation dieses Popsongs ermutigte, bei der Goods zwar selbst zunächst Zweifel hatte, das Gelingen seiner Interpretation dann aber umso nachdrücklicher unter Beweis stellte und beinahe die Originalfassung vergessen liess – ein Eindruck übrigens, der sich auch bei der (dritten!) Zugabe des Toto-Klassikers “99” verfestigte. Man darf annehmen, dass auch ein Jeff Porcaro sowie die Urbesetzung Totos ihre helle Freude an dieser Interpretation gehabt hätten!

Mit einem großen Dank und Applaus an die Gemeinde Feldafing, ihren Bürgermeister Bernard Sontheim und Vereinsmitbegründer von Jazz am See e.V., die vielen ehrenamtlichen Helfer und insbesondere an die fähigen und schnell reagierenden Mitwirkenden am Sound-Mischpult leitete Goods dann zum vorläufigen Konzertende mit dem beschwingten Song Summer Lovin‘ ein, den er zusammen mit seinem langjährigen Freund, Keyboarder, Co-Autor und Co-Arrangeur Jan Miserre sowie mit Lars Vegas geschrieben hat und auf dem in der Studiofassung außer seinen Vocals die aus Schweden stammende Label-Kollegin Viktoria Tolstoy zu hören ist, neben Ida Sand und Nils Landgren eine weitere profilierte, starke Vertreterin des skandinavischen Jazz, die für die Zusammenarbeit auf Torsten Goods Album gewonnen werden konnte.

_MG_8886Frenetischer Applaus beantwortete den letzten verklungenen Ton und liess schon erahnen, dass die Feldafinger Freunde anspruchsvoller Kultur die Band nicht ohne Zugaben davonkommen lassen würden. Ein weiteres Indiz für die menschlichen Qualitäten des Ausnahmetalents Goods war das spontane Teilen der Publikumssympathie mit Labelkollegen und überraschend anwesenden ex-Spencer Davis Group-Drummers und als Moderator der Superdrumming-Reihe zu internationaler Bekanntheit gelangten Pete York, den er für die erste von drei Zugaben zu sich auf die Bühne holte, um dann wie eingangs schon erwähnt eine ausgesprochen originelle Version des Blues Brothers-Hits “Flip, Flop, Fly” zu bringen sowie einer Interpretation des Standards All of Me, dem er mit einem gelungenen, swingenden Scat-Vocalsolo ein Glanzlicht aufsetzte.

Nach bald zweieinhalb Stunden, die von höchster, aber stets unaufdringlicher Musikalität geprägt waren, blickte man ringsum und auch beim anschließenden CD-Signing ausnahmslos in strahlende Gesichter. Müsste man den Abend in einem Satz zusammenfassen, könnte man paraphrasieren: Love came to town – and stayed for Good(s).🙂

(Bilder und Verwendungsrechte © Lena Semmelroggen )

©W. Nieke, November 2013

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