Jeder gegen Jeden


Zwei kleine Begebenheiten auf Facebook haben mich gestern gekränkt und verärgert. Im einen Fall hatte sich eine Besucherin, die ich erst jüngst zu meinen Kontakten gefügt hatte, über die Zahl und den Ton meiner Postings beschwert, war aber andererseits zu dämlich, den News-Feed so zu filtern, dass ihr meine “power postings”, wie sie es nannte, nicht um die Ohren fliegen. In einem Punkt muss ich ihr recht geben: Ich nehme mir die Freiheit, sämtliche Wasserstandsmeldungen meinerseits in alle Welt hinauszuposaunen. Das kann zuviel werden. Dann eben einfach weitergehen, Newsfeed filtern oder mich wieder löschen. Das geht auch ohne giftiges Gezicke. Selbst war sie aber bei der Gelegenheit des ersten Treffens unachtsam genug, ihre Meinungen zu Gott und der Welt allen Umstehenden reinzudrücken, ohne der Situation oder den eigentlichen Hauptakteuren des Abends einen Funken Achtsamkeit zuteil werden zu lassen, wobei sie sich aber gleichzeitig mit aufgesetztem Charme und bemühter “sexiness” durch den Abend schnorrt. In dem Fall: Danke, dass Du meine Online-“hangouts” künftig nicht mehr mit Deiner Anwesenheit kontaminierst. Sollten wir uns gezwungenermaßen mal wieder begegnen, bitte ich Dich, mir gleich von der Pelle zu bleiben. Ich rate auch dringend davon ab, mir irgendwelche Drinks in Gesicht oder auf die Kleidung zu schütten. Denn dann könnte ich mich womöglich zu einer hinterfragungswürdigen und potentiell schmerzhaften Interpretation von der Gleichberechtigung der Geschlechter hinreissen lassen…

Die andere Begebenheit ist geringfügig anders gelagert. Ich hatte einen Brandbrief eines langjährigen DJs, Thomas Manegold, auf Facebook gepostet, der angesichts der anstehenden Gebührenerhöhungen der GEMA für 2013 ein großes Clubsterben voraussagt, womit Leuten wie ihm, die ihrer Passion mit sehr viel Eigenengagement an Zeit und Kosten nachgehen, der Nährboden genommen wird. Auch andere unabhängige Künstler befürchten, dass die neuen GEMA-Sätze viele Kleinkunstbühnen und kleinen Clubs in die Pleite treiben könnten bzw. werden. Der Tenor von Thomas’ Artikel war natürlich von Frust und Resignation geprägt, auch eine gewisse Verbitterung schwang mit. Alles Dinge, die ich – aus anderen Gründen – bestens nachvollziehen kann. Man kann sich häufig irgendwie nicht des Gefühls erwehren, dafür bestraft zu werden, sich künstlerisch – oder eben unterhaltend, wobei ich DJing auch als Kunstform begreife – ausdrücken zu wollen. In seiner Frustration zitiert Thomas eingangs Friedrich Kellner, der im zitierten Poem sogar die Vokabel Terrorregime – in Anlehnung an das Hitler-Regime –  “in den Mund” nimmt.

Vielleicht war es diese Formulierung, vielleicht mein eigener leicht theatralischer Tonfall (“Was ist nur aus diesem Land geworden?”), vielleicht einfach auch nur  schlechte Laune oder vielleicht hasst sie mich einfach, die Pat Appleton, ihres Zeichens Sängerin aus Berlin der Band De Phazz, dazu bewog, diesen Kommentar zu hinterlassen:

“Wenn man das liest kommt einem doch die Galle hoch. Ich habe gerade mal geschaut auf wie vielen Seiten unser neues De-Phazz Album umsonst zu haben ist – bei 20 habe ich aufgehört zu zählen… Und dann muss man sich noch dieses Gejammer antun. Boah, mir platzt der Kragen!” (Pat Appleton, am 27.06.2012 auf meiner Facebook-Pinnwand)

Um hier ein bißchen Kontext zu schaffen: Pat hat auf ihrer Facebook-Pinwand und ihrer Facebook-Seite von einer unlängst absolvierten Tour durch die Ukraine berichtet, wo De Phazz als Jazz-Stars verehrt werden, die Konzerte entsprechend voll waren und sie ein ums andere mal raubkopierte CDs signiert hat. Richtig gesagt hat sie’s nach meinem Verständnis nicht, aber ich habe ihre Schilderung so verstanden, dass man sozusagen mit Filesharing und illegalen Downloads leben muss, solange es sie gibt, sich aber gleichzeitig um eine Neuordnung der Verwertungslizenzen und einer Diskussion des Urheberrechts bemühen muss. Wie gesagt – das ist nun mein bemühter Versuch, ihrem emotional aufgeladenen Gestammel irgendeine Position zu entnehmen.

Der Punkt ist aber für mich: Auf der Ebene unterhalte ich mich nicht. Basta. Wer seinen Standpunkt nur mit Gemaule vertreten kann ohne ihn mit irgendwelchen Fakten oder wenigstens stichfesten Argumenten zu belegen, ist für mich kein Diskussionspartner. Das ist dann auch keine Diskussion, sondern ein “flame war“. Und den dulde ich nicht bei mir. Nicht bei diesem Thema und auch bei keinem anderen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ohne Emotionalität geht es zwar wohl gerade in künstlerischen Ausdrucksformen nicht, schon klar. Aber ich erwarte beim Austausch von Positionen eine gewisse Gesprächskultur. Den anderen bei seinem Standpunkt abholen z.B. die eigene Position unterfüttern, solche Sachen. Und wenn’s irgendwie geht – nicht persönlich werden.

Ich hab sie “unfriended”. Dann sind wir eben keine Freunde. Ich kann damit leben.

w., Juni 2012.

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