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Bandprobe (DE)


Morbider Charme? Das ist der erste Gedanke, mit dem ich mich zu erheitern bemühe als ich mich auf der Suche nach dem Band-Proberaum durch den Hinterhof eines großen Baumarkts und eines Warenhauslagers gerade knapp über Schritttempo vorantaste, eine Hand am Steuer, in der anderen den schnell noch bei GoogleMaps ausgedruckten Routenplan, der offen gestanden mehr Aufmerksamkeit beansprucht als der Verkehrssicherheit dienlich sein kann. Vorne tosender Feierabend-Verkehr und gehetzte, genervte Käufer, hinten die etwas trost- und schmucklose Leere, die ein arbeitsamer Tag nach dem Aufräumen herumstehender Paletten und Container hinterläßt. Unbeeindruckt von meinem Anflug von Entmutigung taucht die Abendsonne die karge Szenerie in verschwenderisch sattes Gold, gleichsam als mache sie sich über meine ansatzweise Verzagtheit lustig. Will ich wirklich wieder in dieses Klima latenter Verwahrlosung eintauchen, in dessen anarchischem Chaos typischerweise die Wirkstätten Kreativschaffender beheimatet sind, penetriert vom charakteristischen Geruch halbverschimmelter Teppichböden, erkaltetem Zigarettenrauch, abgestandenem Bierdunst und dem getrockneten Schweiß vermutlich hunderter Sänger, Musiker, Kabarettisten und poetry slammer vor mir , deren Leidenschaft für ihre Träume, Ziele und Projekte die Wahrnehmung dieser eigentlich abweisenden Umgebung scheinbar vollständig verdrängt? Will ich ernsthaft wieder  zum zeitweisen “Kellerkind” werden an Tagen, da andere sich in Biergärten und an Seen treffen, zu Radtouren aufbrechen oder vielleicht auch nur auf “Balkonien” abhängen?

Früher löste diese eigentümliche Melange aus Gerüchen und Eindrücken ein Gefühl von Vertrautheit, beinahe Geborgenheit in mir aus. Ich hatte mein Terrain, in dem ich mich sicher bewegte. Dazu gesellte sich dann natürlich die Begeisterung für die Musik schlechthin, der vertraute Umgang mit den beteiligten Akteuren und nicht zuletzt die Genugtuung der Anerkennung, wenn man sich nach erfolgreichen Auftritten vor Publikum wieder im Proberaum einfand, Equipment auslud und an Ort und Stelle brachte, Kabel reinigte, sortierte und schließlich wieder mit dem jeweiligen Instrumentarium verband, Noten, Texte und Cassetten aus den Tiefen mitgebrachter Taschen und PKW-Kofferräume barg und schliesslich das Instrument auspackte, stimmte und neues Material einzuüben begann. Dies war mein Wirkungskreis, nichts anderes hätte bedeutsamer sein können, jede Minute war optimal investierte Lebenszeit. Kann ich beinahe 30 Jahre später an dieses Gefühl anknüpfen? Vermag es mir erneut zu gelingen, kontraproduktive und maximal hinderliche persönliche Befindlichkeiten vollständig in den Hintergrund zu drängen, so als existierten sie nicht? Kann ich mich vom Individualisten, latenten Querkopf und darüber zum Einzelgänger verkommenen Sonderling wieder zum Teamplayer zurückändern? Mich über 90% der gemeinsam verbrachten Zeit zurücknehmen und auf Kommando maximal extrovertieren? Kann ich mich über die Limitierungen bestehender Vorbelastungen und daraus entwickelter Verhaltensweisen einfach hinwegsetzen und so tun, als hätten sie nie bestanden? Und sind all diese dramatisch anmutenden Gedanken und Gefühle gerechtfertigt angesichts eines schlichten, weitgehend konzeptionslosen Vorspielens, bei dem es eigentlich um nichts weiter geht als die Frage, ob sich mein musikalisches Können in etwa auf dem Niveau der anderen eintreffenden Musiker befindet?

Bevor ich allerdings vollständig in Selbstzweifeln versinke, die erfahrungsgemäß durchaus dazu führen könnten, dass ich unverrichteter Dinge wieder umkehre, zwinge ich mich zu Ablenkung. Ich bin eigens etwas früher aufgebrochen, um dem erwartbaren Streß des sich-Beeilen-Müssens zu entgehen, so dass mir jetzt noch eine knappe Stunde Zeit verbleibt, bevor der Abend seine Fortsetzung in den Katakomben der oben geschilderten und unten (von außen) abgebildeten Räumlichkeiten findet. Ich schnappe meine digitale Spiegelreflex-Kamera und breche zu einem kleinen Spaziergang rund um den Block auf. Was zunächst als harmloses Einfangen von Schnappschüssen beginnt, bekommt dann aber bald einen anderen Aspekt. Aber seht selbst…

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4 Comments

  1. Werner das hatte ich ja noch gar nicht gesehen. Ein klasse Artikel! Kann mir Deine Stimmung so richtig vorstellen. Die Bilder sagen alles aus, über diese Gegend. Das es so lange her ist , hätte ich auch nicht gedacht.Gruss Ma

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