Die Sache mit dem Träumen


Mit 17 hatte ich große Träume. Ich saß zu Hause vor einer selbstgebastelten Stereo-“Anlage”, die mir ein Freund für wenig Taschengeld überlassen hatte, und spielte zu Platten von Pink Floyd, Kansas, Jimi Hendrix, und später auch Toto, Steely Dan, Anita Baker, Chaka Khan, Earth, Wind & Fire, George Benson und vielen mehr. Jedesmal, wenn ich genügend Geld aus kleinen Jobs, Auftritten oder Ferienjobs zurückgelegt hatte, um mir ein weiteres Album leisten zu können – das Stück damals zu durchschnittlich knapp 20 Mark, manchmal auch um die 15,- – beauftragte ich einen in der nächsten größeren Stadt lebenden und im Besitz eines Führerscheins und Auto befindlichen Freund, mir die gewünschte Scheibe zu besorgen und am Wochenende mitzubringen. Eine richtige Sammlung kam so nicht zustande, aber auf ein paar Dutzend Vinylscheiben – eben nur die, die ich wirklich haben wollte – kam ich am Ende meiner Schulzeit schon. Den Rest schnorrte man sich eben durch das Aufnehmen von Cassetten bei Freunden zusammen. An so Dinge wie digitale Musik und Abspielgeräte, die das Äquivalent eines gesamten Musikkatalogs eines größeren Musikvertriebs bevorraten und abspielen könnten hatte ja damals noch keiner gedacht. Jedenfalls war ich ganz zufrieden mit der Musikauswahl, die sich so im Lauf der Zeit bei mir ansammelte. Manchmal gab’s auch eine tolle Radiosendung, die man aufnehmen konnte, auch wenn zwischendurch natürlich immer gequatscht wurde. Aber der Hauptteil der begehrten Songs war meistens unterbrechungsfrei hörbar.

Und so sass ich häufig stundenlang im Dachgeschoß des elterlichen Hauses und übte die Gitarrenparts, die ich können wollte, so lange, bis ich mich ihnen ausreichend weit angenähert hatte, dass es bei den Bandkollegen gefühlterweise durchgehen würde. Nicht dass es sie groß interessiert hätte, was ich außerhalb des Materials noch übte, das wir für die Band probten und spielten. Und weil sie sich nicht oder nur sehr marginal dafür interessierten und es streng genommen keinen wirklichen Grund oder Anreiz gab, bandfremdes Material zu können, dachte ich mir eben eine fiktive “Prüfungssituation” aus. Und die sah in etwa so aus: Jedesmal, wenn ich eines der begehrten Alben in Händen hielt, vorsichtig die Celophanfolie von der Plattenhülle entfernt und dann das innere Leaflet mit der eigentlichen Schallplatte herausgezogen hatte, studierte ich noch vor dem ersten Anspielen geradezu andächtig die “liner notes”, also die Produktionsnotizen, die darüber Aufschluß gaben, welche Studiomusiker an der Aufnahme mitgewirkt hatten, wer den jeweiligen Song aufgenommen und produziert hatte und aus wessen  “Feder” der Song letztlich geflossen war. Nicht selten waren auch Photographien von den Studiosessions dabei, die die Musiker hochkonzentriert an ihren Instrumenten zeigten. Ich stellte mir vor, an deren Stelle zu sein, einen Song über Kopfhörer zugespielt zu bekommen und den von mir gewünschten Part zu spielen, während ein recording engineer die Fader, Regler und Knöpfe des Studiomischpultes bediente. Ich stellte mir vor, Teil einer Aufnahme zu sein, die später von Millionen Menschen möglicherweise hunderte Male gehört werden würde, die im Rundfunk, im Fernsehen, in Diskotheken, Restaurants, auf Parties oder eben im häuslichen Ambiente gespielt werden würde. Ich versuchte mir den Stolz und den persönlichen Triumph vorzustellen, der sich m.E. einstellen würde, wenn eines Tages mein Name unter all diesen angebetenen Studio Cracks auftauchen würde. Ich träumte von einem Gefühl der persönlichen Bedeutsamkeit und Wertschätzung der Kollegen, dem Gefühl, etwas erreicht zu haben, der tiefen Zufriedenheit, die sich nach meiner Vermutung dann einstellen müsste. Ich wollte ein Teil dieser Welt werden!

Aber das ist halt das Ding mit Träumen: In der Vorstellung sind sie perfekt und vermitteln das Ersehnte zu 100%. Im richtigen Leben läuft es aber eher selten perfekt. Auch auf die Idee, dass mein Können mindestens zehnmal so umfassend sein müsste wie das wenige, das ich mir zwar mit Leidenschaft, Hingabe und Konsequenz draufgeschafft hatte, was aber dennoch äußerst begrenzt war, kam ich erst sehr viel später. Nun gut – mir war auch damals klar, dass die Chancen für die Verwirklichung meiner Träume sehr gering ausfielen. Aber ich erlaubte mir eben erstmal die Maximalvorstellung dessen, was ich damals für erstrebenswert hielt. Vor allen anderen Dingen aber träumte ich immer davon, irgendwann selbst ein mit modernster Technik vollausgestattetes Studio zu besitzen und mir soviel Zeit beim Komponieren und Aufnehmen lassen zu können, wie es die Muse eben erforderte. Um dann – wenn der jeweilige Song danach verlangte – aus einem gut gefüllten Adressbuch jeweils den Musiker und Künstler anrufen und einsetzen zu können, der diesem Song und Instrumental- oder Vokalpart im Wortsinne die richtige Note zu geben vermochte. Da gibt es ja Experten für jegliche Art von Spielweise, vergleichbar wohl mit Schauspielern, wo es Persönlichkeiten gibt, die bestimmte Charaktere ganz besonders gut darstellen können. Ähnliches gilt auch für Sängerinnen und Sänger, die sich eben mit bestimmten Darbietungen ihr Markenzeichen geschaffen haben.  Die will man dann für seine Produktion natürlich haben!

Aus all dem…. wird nun leider nichts mehr. In mir spielt keine Musik mehr. Ich höre auch keine mehr. Diese zart schwingende Seite ist offenbar verstummt. Es geht nicht mehr. Ein richtiges Studio konnte ich mir auch vorher nie leisten und in der nun eingetretenen Situation erst recht nicht. Aber das sind alles Nebenschauplätze. Wo ein Wille, da ein Weg –  diesem Motto hatte ich mich während der meisten Zeit meines Erwachsenen- und Berufslebens durchaus verschrieben. Und wo kein Wille – oder Leidenschaft, Ziel oder was auch immer – da auch kein Weg.

Tja. So ist das mit dem Träumen…

Hier ein paar “Typen”, die’s echt draufhaben: